Ratgeber

Optimale Drehzahl beim Stangenmaterial

Die Schnittgeschwindigkeit sagt, welche Drehzahl die Zerspanung will. Ob sie fahrbar ist, entscheidet die rotierende Stange hinter der Spannzange – und die kommt in keiner Schnittwerttabelle vor.

Die Drehzahl wird üblicherweise aus der Schnittgeschwindigkeit und dem Werkstückdurchmesser bestimmt. Beim Stangendrehen ist das die halbe Rechnung: Es rotiert nicht nur das Werkstück, sondern die gesamte Materialstange bis hinter in das Magazin. Diese zweite Grenze taucht in keiner Werkzeugempfehlung auf – und ist regelmäßig die engere.

Zwei Grenzen, zwei Zuständigkeiten

Maßgeblich ist die niedrigere der beiden – und welche das ist, wechselt mit dem Auftrag.
GrenzeKommt ausWird bestimmt durch
ZerspanungsgrenzeWerkzeug und WerkstoffSchnittgeschwindigkeit, Schneidstoff, Kühlung, Standzeit
Zuführungsgrenzeder rotierenden Stange hinter der SpannzangeFührungsspalt, Dämpfung, Materialqualität, freie Länge

Die Zerspanungsgrenze ist gut dokumentiert: Schnittwerttabellen, Werkzeugempfehlungen und Erfahrungswerte gibt es reichlich. Die Zuführungsgrenze steht nirgends, weil sie von der konkreten Kombination aus Magazin, Material und Einstellung abhängt. Sie wird deshalb meistens erst bemerkt, wenn sie überschritten ist.

rotiert mit SpindeldrehzahlÖlspalt im Führungskanalgeführt vom LademagazinSpindelbohrungfreier ÜberstandMagazinsteuerungMaschinensteuerungVorschub anfordernMaterial steht · Stangenende1234567891011121Stangenmagazin2Vereinzelung3Vorschubstange4Führungskanal5Ölkreislauf6Hauptspindel7Spannzange8Lünette (Maschine)9Werkzeug10Magazinsteuerung11Maschinensteuerung12Signalaustausch
Vor der Spannzange arbeitet das Werkzeug, dahinter rotiert die geführte Länge. Beide setzen eine eigene Drehzahlgrenze.

Woran man erkennt, welche Grenze greift

Die Unterscheidung ist einfacher, als sie klingt, und sie steht am Anfang jeder Optimierung. Der Test dauert eine Minute: die Spindel ohne Zerspanung auf die gewünschte Drehzahl hochdrehen.

Es bleibt leise, im Schnitt wird es laut
Die Zerspanungsgrenze greift. Ansatzpunkte sind Werkzeug, Schnitttiefe, Vorschub, Überstand und Spannung – nicht das Magazin.
Es ist schon ohne Schnitt laut
Die Zuführungsgrenze greift. Ansatzpunkte sind Führungseinsatz, Ölversorgung, Material und Ausrichtung.
Es tritt nur in einem schmalen Fenster auf
Ein Resonanzeffekt. Oft lässt er sich umfahren, statt die Drehzahl generell zu senken.

Ohne diese Unterscheidung wird an der falschen Stelle optimiert: Wer bei einem Führungsproblem die Schneidplatte wechselt, verbessert nichts – und umgekehrt.

Was die Zuführungsgrenze bestimmt

Hinter der Spannzange wirken vier Größen zusammen. Keine davon lässt sich durch eine andere ersetzen:

  • Der Führungsspalt: Ist er zu groß, läuft die Stange im Kanal um statt geführt zu rotieren. Das ist die häufigste und zugleich am leichtesten behebbare Ursache.
  • Die Dämpfung: Bei ölgefluteten Kanälen wandelt der Ölfilm Bewegungsenergie in Wärme um. Fehlt die Ölversorgung, fehlt die Dämpfung.
  • Die Materialqualität: Geradheit und Rundlauf bestimmen die Unwucht, aus der die Kraft entsteht.
  • Die freie Länge: Sie bestimmt, wo der empfindliche Drehzahlbereich liegt.
Spalt passend zum DurchmesserStange läuft geführt und ruhigSpalt zu großStange schlägt, Drehzahl muss zurück
Links ein passender Spalt, rechts ein zu großer: die Stange beschreibt eine Umlaufbahn.

Die physikalischen Zusammenhänge dahinter stehen unter Warum werden Materialstangen geführt?. Wichtig für die Praxis ist vor allem einer: Die Kraft aus einer Unwucht wächst mit dem Quadrat der Drehzahl. Eine Verdopplung der Drehzahl vervierfacht sie.

Warum es keine Drehzahltabelle geben kann

Die naheliegende Frage lautet: Welche Drehzahl ist bei welchem Durchmesser möglich? Darauf gibt es keine seriöse allgemeine Antwort, und das hat einen konkreten Grund.

Die Drehzahl, bei der eine geführte Stange unruhig wird, hängt von der freien Länge zwischen den Abstützungen ab, vom Durchmesser, vom Werkstoff, von der Art der Lagerung, vom Spaltmaß und von der Dämpfung. Diese Größen unterscheiden sich zwischen zwei Magazinen derselben Baugröße bereits dadurch, welcher Führungseinsatz eingebaut ist.

Was sich dagegen allgemein sagen lässt, ist die Richtung: Größere freie Länge senkt die mögliche Drehzahl, kleinerer Führungsspalt hebt sie, funktionierende Dämpfung hebt sie, schlechtere Materialgeradheit senkt sie.

Den Arbeitspunkt systematisch finden

Statt zu raten lässt sich der brauchbare Drehzahlbereich in wenigen Minuten eingrenzen. Das Vorgehen setzt voraus, dass korrekt gerüstet ist – ein zu großer Führungseinsatz macht jede Messung wertlos:

  1. Rüstzustand sicherstellen: passender Führungseinsatz zum Ist-Maß des Materials, Ölversorgung in Ordnung, Vorschubstange zur Durchmesserklasse.
  2. Ohne Zerspanung in Stufen hochdrehen und bei jeder Stufe kurz verharren. Notieren, ab welcher Drehzahl das Geräusch deutlich zunimmt.
  3. Prüfen, ob es darüber wieder ruhiger wird. Wenn ja, liegt ein durchfahrbares Resonanzfenster vor, kein hartes Limit.
  4. Die gefundene Grenze mit der Drehzahl vergleichen, die die Zerspanung fordert.
  5. Liegt die Zuführungsgrenze darunter: Führungsspalt, Öl und Material prüfen, bevor die Drehzahl dauerhaft gesenkt wird.
  6. Ergebnis dokumentieren – Durchmesser, Material, Einsatz, gefundene Grenze. Beim nächsten Auftrag mit demselben Durchmesser spart das den ganzen Vorgang.

Diese Messung gehört zur Erstinbetriebnahme eines neuen Durchmessers, nicht in den laufenden Betrieb. Sie ist einmal Aufwand und danach ein dokumentierter Wert.

Resonanzfenster durchfahren statt umgehen

Nicht jede Drehzahl, bei der es laut wird, ist eine Obergrenze. Bei einem Resonanzeffekt wird es oberhalb des Fensters wieder ruhiger. In diesem Fall ist die richtige Antwort nicht, die Drehzahl generell zu senken, sondern das Fenster zu meiden.

Praktisch heißt das: Die Arbeitsdrehzahl wird bewusst ober- oder unterhalb gelegt, und beim Hochfahren wird das Fenster zügig durchfahren statt darin zu verweilen. Ob das an einer konkreten Maschine sinnvoll und zulässig ist, gehört mit der Maschinendokumentation abgeglichen.

Ein Hinweis darauf, dass ein Resonanzeffekt vorliegt: Der Effekt ist reproduzierbar an derselben Drehzahl, ändert sich mit der freien Länge und verschwindet, wenn ein anderer Durchmesser gefahren wird.

Wann die Drehzahl das richtige Mittel ist – und wann nicht

Die Drehzahl zu senken hilft fast immer. Das macht sie zur verbreitetsten und gleichzeitig zur teuersten Antwort: Sie kostet Taktzeit dauerhaft und verdeckt die eigentliche Ursache.

Vertretbar
Wenn die Ursache bekannt und kurzfristig nicht abstellbar ist – eine Zwischengröße ohne passenden Einsatz, eine bereits bestellte Materialcharge, ein Auftrag, der morgen fertig sein muss.
Nicht vertretbar
Als Dauerlösung, ohne dass die Ursache je gesucht wurde. Der Verlust an Taktzeit summiert sich über Jahre und übersteigt die Kosten der Ursachenbeseitigung um ein Vielfaches.

Die Prüfreihenfolge, mit der sich die Ursache eingrenzen lässt, steht unter Vibrationen beim Stangendrehen vermeiden.

Der Zusammenhang mit der Auslegung

Die tatsächlich vorgesehene Drehzahl gehört in jede Anfrage zu einem Lademagazin – und wird regelmäßig nicht genannt. Sie ist aber die Größe, an der sich die Anforderung an die Führung entscheidet.

Wer hohe Drehzahlen fahren will, braucht einen engen Führungsspalt und eine funktionierende Dämpfung. Das ist der Grund, warum Magazine für den mittleren und großen Durchmesserbereich regelmäßig ölgeflutet ausgeführt sind – dort ist die rotierende Masse groß. Siehe Ölflutung bei Lademagazinen und Welches Lademagazin passt zu meiner CNC-Drehmaschine?.

Häufige Fragen

Wie schiebt der Stangenlader die Stange nach?

Über eine Vorschubstange, die von hinten in den Führungskanal fährt und mit einem Mitnehmer- oder Spannzangenkopf am Stangenende angreift. Sie schiebt die Materialstange im Takt der Maschine um die jeweils benötigte Länge vor. Siehe Vorschubstange.

Warum bleibt ein Reststück übrig?

Weil der Mitnehmerkopf die Stange nur bis vor die Spannzange schieben kann. Was dahinter liegt, lässt sich nicht mehr zustellen und wird ausgeschleust. Die Länge ergibt sich aus der Maschinengeometrie, nicht aus dem Magazin allein. Siehe Reststück.

Wie wird ein Stangenlader auf einen neuen Durchmesser umgerüstet?

Führungseinsätze und gegebenenfalls die Vorschubstange werden auf die neue Durchmesserklasse gewechselt, danach werden Vereinzelung und Vorschubwege angepasst. Manche Ausführungen stellen die Führungsgeometrie automatisch ein. Ablauf unter Stangenlader einstellen.

Was tun, wenn die Stange im Kanal schlägt?

Zuerst prüfen, ob der Führungseinsatz zum Stangendurchmesser passt – ein zu großer Spalt ist die häufigste Ursache. Danach Ölstand und Ölzufuhr, Geradheit und Rundlauf des Materials sowie die Drehzahl in Relation zur freien Länge. Siehe Vibrationen vermeiden.

Quellen und Prüfstand

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